Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde

Rezension von Carola Nikschick in der Kategorie Buchtipps

Als ich gelesen habe, das Hinrich Schmidt – Henkel den Roman von Stine Pilgaard „Meter pro Sekunde“ übersetzt hat, da wusste ich gleich, den muss ich lesen. Unbedingt! War ich doch von seinen Übersetzungen der Tarjei Vesaas Romane „Das Eis-Schloss“ und „Die Vögel“ so sehr begeistert. Ja, und ich bin es wieder. Diese Sprache zaubert Bilder und lässt die Charaktere lebendig werden.
Vom ersten Satz an nimmt Stine Pilgaard uns mit in eine Landschaft mit ständig wehendem Wind und Windrädern, die wie Unkraut sprießen und zu einer kleinen Gemeinschaft von Menschen, die füreinander da sind. Warmherzig, klug und menschenfreundlich erzählt sie von einer jungen Frau, die mit Freund und kleinem Sohn gerade angekommen ist in Velling in Westjütland.
„Immer noch sind wir neu im Gelände, verwirrt gehen wir umher mit unserem Kinderwagen, zwei ruhelose Ritter der Landstraße.“
„Wir gehen durch eine neue Welt, durch unser neues Leben, mit unserem neuen Kind, die Natur liegt flach vor uns, und der Sonnenuntergang über der Nordsee betrachtet uns mit seinem roten Auge.“
Hier in Westjütland lieben die Menschen kurze Sätze. Keine ausschweifende Kommunikation und keine Vertraulichkeiten bitte. Und die Ich-Erzählerin mag den Dialekt, das grammatikfreie Festhalten an der Tradition. Sie muss sich arrangieren mit den wortkargen Einheimischen, die aber immer geradeheraus und herzlich sich. Seit der Geburt ihres Sohnes hat sich ihr Leben sehr verändert. Plötzlich dreht sich in ihrer Partnerschaft alles um Kindererziehung, Sprachentwicklung und unendliche Müdigkeit.
Das ändert sich schlagartig, als sie die Stelle der Kummerkasten-Redakteurin bei der lokalen Zeitung übernimmt. Hier kann sie „Orakeln“ und selbstironisch Lebensweisheiten für jede Art von zwischenmenschlicher Beziehung weitergeben.
Ganz schnell habe ich die Menschen ins Herz geschlossen. Die Schulleiterin der Heimvolkshochschule, an der der Freund der jungen Frau unterrichtet, die einfach anpackt sobald sich ein Problem zeigt. Hier bringt sich jeder ein, sagt sie stets. Oder Maj-Britt, die Tagesmutter ihres Sohnes, die immer alles im Griff hat und ein offenes Ohr für all die kleinen Nöte einer jungen Mutter. Ja und dann sind da noch all die Fahrlehrer, die tapfer jede Fahrstunde mit der Ich-Erzählerin durchhalten bis sie am Ende mit ihren Nerven sind. Ach und ihre neue Freundin Krisser, die nur so vor Tatendrang und Ideen strotzt und die Schülerinnen ihres Mannes, die ihn ununterbrochen anhimmeln …
Stine Pilgaard hat eine wunderbar einfache Sprache gefunden und erzählt so liebevoll und witzig, das man sich nicht nur die Ich-Erzählerin zur Freundin wünscht, eigentlich möchte man sofort nach Westjütland ziehen, den Menschen begegnen, den Wind spüren und mindestens einen Brief an das „Orakel“ schreiben.
„Meter pro Sekunde“ ist pures Lesevergnügen, der uns eine kleine Auszeit schenkt. Manchmal brauchen wir genau das.
Ganz wichtig zu erwähnen, bitte lest zuerst die Hinweise des Übersetzers am Ende des Buches!

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