Kein schönerer Ort

Rezension von Krimimimi in der Kategorie Bloggertipps

Kurz & knapp: Worum geht es?

Die 11jährige Kyoko-chan sieht vieles, was sie nicht versteht und niemand erklärt es ihr. Warum sterben einige ihre Mitschüler? Wieso verschwindet ihr Lehrer von heute auf morgen? Weshalb darf sie nicht die Blume im Garten anfassen? Sie lebt mit ihrer Mutter und einem Kaninchen in einem kleinen Haus und weiß, sie sind arm. Ihre Mutter ist zu allen freundlich, pflegt aber kaum Kontakte zu anderen. Auch Kyoko ist eine Außenseiterin. Sie hat wenige Freunde in der Schule und kann dem gemeinsamen Schmettern des Umizuka-Lieds nichts abgewinnen.
Alle loben unermüdlich ihre Heimat Umizuka, die Produkte, die in dieser Gegend wachsen und die Gemeinschaft der Einwohner. Aber bei Kyoko Zuhause gibt es nur Essen aus der Dose und viel Strenge und Reinlichkeit. Nur ihrem Tagebuch vertraut sie alles so an, wie sie ihre Umwelt wahrnimmt.
Über alldem schwebt etwas Unausgesprochenes und mit jeder Seite wird dem Leser klarer, was hier wirklich passiert.

Ist der Roman Teil einer Reihe?

Nein. Und soweit ich sehen kann, ist dies der einzige Roman des Autors, der auf deutsch erschienen ist. Bitte, lieber cass Verlag, bitte mehr davon.

Die Hauptprotagonistin in einem Satz

Als Kyoko beginnt, ihre Umwelt zu verstehen, wird sie isoliert und hat da viel Zeit, alles zu reflektieren.

Wie blutig/eklig ist dieser Roman?

Gar nicht. Er ist psychologisch beklemmend und steigert dieses Gefühl von Seite zu Seite.

Sterben Tiere oder Kinder?

Nein.

Wie hoch ist der Love-Factor?

Nicht vorhanden

Mein Lieblingssatz aus dem Roman

„Es war doch gut so, hatte ich gedacht. Das Umizuka-Lied hatte ich nicht gemocht und den Zusammenhalt, das einigende Band, hatte ich gehasst, aber das, hatte ich gedacht, lag daran, dass ich dumm war, und ein ich nur anständig lernte, würde ich schon so wie die anderen werden.“

Wie hat mir der Roman gefallen?

Die Perspektive einer 11jährigen ist naturgemäß beschränkt und damit war klar, dass alles, was Kyoko beschreibt, auch eine andere Bedeutung haben kann als sie denkt. Diese Aufmerksamkeit braucht es beim Lesen, um das Dunkle wahrzunehmen und zu benennen. Denn Umizuka ist ein Bezirk bei Osaka und liegt nicht weit von Fukushima entfernt. Kein Wunder, dass Kyokos Mutter versucht, keine frischen Lebensmittel zu essen. Aber in der Gesellschaft kann nicht sein, was nicht sein darf. Und so gleicht das übermäßige Loben von Umizuka mit der Zeit einem verzweifelten Herbeireden einer Wunsch-Realität. Und wer sich nicht anschließt, ist verdächtig. Doch das Gemeinschaftsgefühlt entspringt keiner Empathie und Toleranz, sondern Zwang und Unterdrückung.
Diese Erzählung ist zwar inspiriert vom Reaktorunglück in Japan. Aber die Mechanismen der Gehirnwäsche, des gesellschaftlichen Zwangs, der Angst vor Individualität, sind universell. Und damit ist dieses schmale Buch eine Warnung an alle, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und für Meinungsfreiheit einzustehen. Ein wichtiges, politisches, beklemmendes Buch, dem ich volle 5 von möglichen 5 Mimis gebe.

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