Jehona Kicaj erzählt in ihrem Debütroman vom Kosovo Krieg, vererbten Traumata und der Macht der Sprache.
„ë“ ist ein Buchstabe, der im Albanischen zwar meist nicht ausgesprochen wird, der aber eine wichtige Funktion innerhalb des Wortes einnimmt. Und genau darum geht es auch in diesem Roman: Um das Unaussprechliche, das, was eigentlich gesagt werden müsste und die Hindernisse, die eine Aussprache verhindern. Die Erzählerin beginnt den Roman beim Kiefernorthopäden. Sie knirscht im Schlaf so mit den Zähnen, dass sie im schlimmsten Fall in zehn Jahren nicht mehr ohne Schmerzen sprechen kann. Eigentlich ja eine schlimme Diagnose – aber die Erzählerin ist sich nicht sicher, ob sie nicht vielleicht sogar Erleichterung bei dem Gedanken verspürt, nicht mehr sprechen zu können. Um das zu erklären nimmt sie uns mit in ihre Vergangenheit – und die Vergangenheit ihrer albanischen Familie. Im Kosovo geboren kommt die Erzählerin als junges Mädchen in den achtziger Jahren nach Deutschland. Ein Teil der Familie bleibt im Kosovo zurück und wird dort Opfer von Bombenangriffen, Ermordung und Vertreibung durch serbische Soldaten und die Jugoslawische Armee. Wie dieses Trauma die Erzählerin ihr Leben lang begleitet und auf wie viel Ahnungslosigkeit sie im Laufe ihrer Kindheit und Jugend hier in Deutscland stößt-davon erzählt Jehona Kicaj absolut sprachgewaltig.
Ich habe diesen Roman in einem Rutsch gelesen, war fassungslos, berührt und am Ende um einiges schlauer. Ein tolles Buch über ein wichtiges Kapitel Geschichte und eines meiner absoluten Lesehighlights dieses Jahr.
