„Lori“ ist eine berührende und eindringliche Familiengeschichte, verbunden mit einem Stück DDR-Geschichte.
DDR-Thüringen, 1995. Am Rande eines Dorfes auf einem alten Bahnhof lebt Helene Ross, von allen Leni genannt, mit ihren Eltern und fünf Geschwistern. Im Dorf heißt es, dass dort Leute leben, die etwas auf dem Kerbholz haben oder aus einem bestimmten Grund unter Verdacht geraten waren. Leni hat sehr früh das Gefühl, dass in ihrer Familie etwas nicht stimmt, dass es Geheimnisse und Ereignisse gibt, über die nicht gesprochen wird. Und dann sind da ihre Erinnerungen an Lori, ihre ältere Schwester, über die nicht gesprochen wird. Aus einzelnen Puzzleteilen setzt sich das Leben der Eltern zusammen und welche Ereignisse und Entscheidungen ihr Leben beeinflusst haben. Die Mutter, die kurz hintereinander ihre Kinder bekommt, fürsorglich ist und dann wieder unerreichbar. Der Vater, der einige Jahre nicht anwesend war und nach seiner Rückkehr zur Familie ein besonders liebevoller und besorgter Vater war. Und über allem Geschehen liegt Schweigen. Und Leni hat Erinnerungen wie Flashbacks.
Auf gerade mal 205 Seiten erzählt Anousch Mueller eine vielschichtige Geschichte, in der das Leben einer Familie durch das Verschweigen der Vergangenheit, und das Einwirken politischer Ereignisse und Entwicklungen in der ehemaligen DDR nachhaltig verändert wird.
Eine Geschichte, die zeigt, wie verbrecherisch ein Staat seine Bürger überwacht, erpresst und kontrolliert, in Angst versetzt, missbraucht und gegeneinander ausspielt hat.
Es geht um so viel in dieser bewegenden Geschichte – Liebe und Familie, Schuld und Vergebung, Traumata und Vergangenheitsbewältigung.
„Lori“ wirft einen Blick auf die Nachwirkungen eines Staates, den es seit fast vierzig Jahren nicht mehr gibt …
Anousch Mueller
Rezension von Carola Nikschick in der Kategorie Buchtipps
