Ein Kriminalroman und eine spannende Reise in die Vergangenheit deutscher Geschichte.
„Die weisse Nacht“ von Anne Stern ist der erste Fall von Lou Faber und Alfred König.
Berlin, 14. Dezember 1946. Es herrscht eine eisige Kälte und entsetzliche Not und die Menschen kämpfen mit allen Mitteln ums Überleben. Die junge Lou Faber, eine leidenschaftliche Fotografin, hat ihre Leica immer griffbereit und streift neugierig durch die Stadt. Sie hat ein besonderes Gespür für den einzigartigen Augenblick um Menschen und Situationen und auch die erstaunliche Schönheit in dieser Trümmerlandschaft im Bild festzuhalten.
„Gerade wollte sie wieder auf den Auslöser drücken, da fuhr sie zusammen und ließ die Kamera sinken.“ Hinter Mauerresten im Schnee, halb verborgen, lag etwas, und beim Näherkommen erkannte Lou, dass es ein Mensch war, eine Frauenleiche, aufgebahrt mit gefalteten Händen, eine beinahe friedliche Szene. Gebannt hebt sie die Kamera, fokussiert und drückt auf den Auslöser.
Als Kommissar Alfred König und sein Kollege Inspektor Trautwein eintreffen, händigt sie ihnen allerdings eine leere Filmrolle aus. Sie will selbst erst einen Blick auf die entwickelten Bilder werfen.
In Anbetracht der spärlichen Mittel, die der Polizei in dieser Zeit zur Verfügung stehen, hat König immer wieder mit enormen Herausforderungen zu kämpfen.
Berlin aufgeteilt unter den Siegermächten in vier Sektoren, Macht- und Kompetenzgerangel sind an der Tagesordnung und alle versuchen, ihre Vergangenheit zu verbergen.
„Alles wechselte den Namen, Flaggen wurden vertauscht, Uniformen umgefärbt, nur die Menschen, die waren dieselben. Janusköpfe, Wendehälse, Überlebenskünstler?“
Aber auch Alfred König verfügt über ein besonderes Gespür und einen ungebrochenen Willen, für Gerechtigkeit zu sorgen.
Und als weitere Tote gefunden werden, wendet er sich an Lou Faber, die mit ihrem besonderen Blick erkannt hat, was ihm scheinbar verborgen blieb. Als die Ermittlungen zur Mordserie und ein zufällig entdecktes Foto in die Vergangenheit an einen Ort führen, an dem schreckliches geschehen ist, verdichten sich die Spuren. Und für Lou Faber und Alfred König wird es zu einem Wettlauf gegen die Zeit.
Mit wechselnden Perspektiven erzählt Anne Stern vom Leben der Menschen in der Nachkriegszeit, verwebt gesellschaftliche und politische Ereignisse, die Verbrechen der Nazizeit, die nicht vergessen werden dürfen, und schafft mit Worten eine unsagbar lebendige Atmosphäre.
Und besonders geschickt finde ich, wie sie die Lebenswege ihrer Charaktere miteinander verbindet, ihre kleinen und großen Geheimnisse lüftet und bis zum Ende doch nicht alles verrät. Es bleibt also wunderbar spannend.
Anne Stern ist Historikerin und hat sich für ihre Reihe um König und Faber in den Archiven der Polizeihistorischen Sammlung Berlin durch Berge von Aktenordner gewühlt, Fotografien und jede Menge Literatur gewälzt.
Ich freue mich jetzt schon auf die Fortsetzung 😉
