Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher

Rezension von Carola Nikschick in der Kategorie Buchtipps

Können wir uns unsere Erinnerungen neu erfinden?

Mit großer Intensität und einer klaren Sprache erzählt Abbas Khider in seinen Büchern bewegende Geschichten von Menschen, die keine Stimme haben. Die vor Diktatur, Gewalt und Verfolgung geflohen sind, Unvorstellbares erlebt und erlitten haben und in einem fremden Land Sicherheit und ein zu Hause finden möchten. Sie haben ihre Familien und Freunde zurückgelassen, haben ihre Heimat verloren und ob das neue Land „Heimat“ wird, ist mehr als ungewiss. Was ihnen bleibt, was sie mitnehmen, egal wohin, sind ihre Erinnerungen.
Erinnerungen, so heißt es, beeinflussen unser Denken und Handeln, unser Leben und machen uns zu dem, was wir sind. Aber manchmal sind sie schmerzhaft und unerträglich, dass sie in den hinteresten Winkeln unseres Gedächtnisses verschwinden.
„Es gibt manchmal Orte im Gedächtnis, die sind wie Minenfelder. Sie können einen in Stücke reißen. Das Leben wird erträglich, wenn man solche Orte vermeidet. Und man hat Angst vor Erinnerungen.“
In seinem neuen Roman „Der Erinnerungsfälscher“ erzählt Abbas Khider von Said Al-Wahid, der als junger Mann aus dem Irak geflohen und nach einer gefährlichen Flucht in Deutschland angekommen ist. Said, der immer seinen Reisepass dabei hat, egal wohin er geht, denn so ist er stets auf alles vorbereitet. Er hat sich eine Existenz aufgebaut, ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn und sein großer Traum ist es, Schriftsteller zu werden. Er will seine Geschichte erzählen, doch seine Erinnerungen sind trügerisch und lückenhaft.
Als er von seinem Bruder Hakim die Nachricht erhält, dass ihre Mutter im Sterben liegt, beschließt er sofort nach Bagdad zu reisen. Und auf dieser Reise wird sein Gedächtnis regelrecht von Erinnerungen überflutet. Erinnerungen an Erlebnisse, aus seiner Vergangeheit, die er verdrängt hat oder denen er nicht wirklich vertraut. Seinem Leben in Bagdad, seine Familie, der Vater wurde hingerichtet, die Schwester bei einem Bombenanschlag getötet, die Flucht und das Leben als illegaler Flüchtling. Und als er in Deutschland angekommen ist, das bürokratische Asylverfahren, die ständigen Kontrollen der Polizei, Demütigungen und Schikanen, die Begegnungen mit Menschen, die ihn immer wieder darauf aufmerksam machen, das er kein Deutscher ist, auch wenn er einen deutschen Pass besitzt.
„Seine Erinnerungen sind unvollendete Ereignisse, unpräzise Skizzen eines Ortes, verborgene Gestalten und verschleierte Gesichter. Alles Teile eines großen Puzzles, das es zusammenzusetzen gilt, wenn man sich erinnern will. Viele dieser Teile existieren nicht mehr. Sie sind durch ein Loch im Gedächtnis verloren gegangen, unauffindbar. Said muss sich die Zusammenhänge ausdenken.“
Abbas Khider begeistert mich immer wieder mit seiner großartigen Erzählkunst. Seine Romane gehören für mich zu den Bücher die bleiben. Die ernsthaft und mit einem feinem Witz ganz besondere Geschichten erzählen.

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