Kinder der Freiheit

von Ken Follett
Eine Familienchronik endet. Ein Jahrhundert ist geschafft. Mit Kinder der Freiheit schafft Ken Follett ein pompöses Finale seiner Trilogie. Wem die Geschichtsstunde zu langweilig war, der bekommt hier eine Portion serviert, bei der wirklich jeder gesättigt die Geschichte verlässt. Manch einer sollte jedoch aufpassen, sich nicht zu überessen, und anderswo bleibt vielleicht etwas von dem historischen Schinken auf dem Teller liegen.

Ein halbes Jahrhundert in einem Buch.

Der erste Band aus Follets Jahrhundert-Triologie Sturz der Titanen deckt von 1911 bis 1924 gut ein dutzend Jahre Weltgeschichte, und somit den ersten Weltkrieg samt der Oktoberrevolution in Russland ab. Der darauffolgende Winter der Welt behandelt in den 16 Jahren zwischen 1933 und 1949 das grausame Naziregime in Deutschland, sowie den zweiten Weltkrieg. Kinder der Freiheit hat nun die große Aufgabe, sich dem fehlenden knapp halben Jahrhundert zu widmen. Damit liefert es mehr Geschichtsstoff, als beide der vorangegangenen Romane zusammen.

Während im Auftakt und Mittelteil der Trilogie jeweils Einzelschicksale, welche sich zu einer Gesamtheit vor dem Panorama eines Weltkrieges zusammenfügten erzählt
wurden, werden im Finale neben dem kalten Krieg zwischen den USA und Russland samt Mauerbau, Aufrüstverfahren und Stellvertreterkriegen (z.B. Vietnam und Kuba) auch sehr detaillierte Einblicke in die Bürgerrechtsbewegung in Amerika, das Leben im Ostblock und in das Leben als konterrevolutionäre Russin gegeben. Und als ob die gut 1200 Seiten des Romans damit nicht schon bis zum Bersten gefüllt wären, wird auch der gesamte Aufschwung der modernen Musikbranche aufgezeigt.

So viel Input innerhalb eines einzigen Romans – Ist das überhaupt möglich? Ken Follett beweist, dass es sehr wohl möglich ist. Und zwar indem wild zwischen den Schauplätzen
hin und her gewechselt und durch die Jahre gerannt wird. Das erste der fünf Jahrzehnte wird noch sehr detailliert beleuchtet, doch im weiteren Verlauf kann der Geschichtslaie schnell den Überblick bei den ständig wechselnden Kreml- und Washingtonchefs verlieren. Folletts Schreibweise wird in diesem Fall treffend mit „Und er stürzt durch Raum und Zeit“ beschrieben, welcher der erste Satz aus Nenas zeitlich passendem Irgendwie Irgendwo Irgendwann (1984) ist.

Als ob wir selbst dabei gewesen wären

Doch auch wenn die große Zeitreise etwas Verwirrung stiftet, so lässt sie uns doch an einer Vielzahl von Ereignissen teilhaben, welche für alle Zeit in die Geschichtsbücher festgeschrieben stehen. Hautnah hören wir Martin Luthers „I have a dream“ Rede, wir werden Zeuge seines, und Kennedys Ermordung, kämpfen für die Bürgerrechtsbewegung, dienen den höchsten Tieren im weißen Haus, dem Kreml und im Vietnamkrieg, lauschen den Mauerkonzerten und feiern die Wiedervereinigung. Wir treffen auf große Persönlichkeiten, wie die Kennedy Brüder, Gorbatschow, oder Goeorge W. Bush.

Für einen roten Faden inmitten des historischen Wirrwarrs sorgen die Geschichten der Familien Dewar, Peshkow, Williams und von Ulrich. Mit jedem Abkömmling der inzwischen vierten Generation fiebern wir mit. Dabei könnten sich Figuren wie George Jakes, Jesper Murray oder Walli Franck gar nicht unähnlicher sein. Doch gerade das sorgt für zusätzliche Abwechslung, lässt jeden Charakter einzigartig und real erscheinen. Beinahe fühlen wir uns wie ein Familienmitglied, so nah sind wir an jeder Figur dran.

Auch wenn es nötig ist, sich während des Lesens von Kinder der Freiheit immer wieder einen kurzen Überblick über die Familienstammbäume, die Zeitlinie und die Schauplätze zu machen, so erzeugt Ken Follett durch seine wunderbare Erzählung und Vermittlung von Eindrücken, welche nicht zuletzt seiner großartigen Recherche geschuldet sind, einen Rausch, welcher erst zusammen mit der letzten Seite des Romans endet. Beinahe entsteht die Lust, sich in eine Zeitmaschine zu setzen um die 60er, 70er und 80er selbst noch einmal miterleben zu können.

Wer bei den ersten beiden Bänden der Trilogie das Gefühl von Längen hatte, der wird in diesem Fall kein Grund zur Beschwerde haben. Wem die vorangegangenen Romane perfekt erschienen, der wird auch hier wieder seine Freude haben. Und abgesehen davon, dass es sich bei Kinder der Freiheit um hervorragende Unterhaltung handelt, so wird auch jegliches Geschtswissen ausreichend aufgebessert.

Text: Timesforstories