H wie Habicht

von Helen Macdonald

H wie Habicht – Helen Macdonald Posted on February 17, 2016

In H wie Habicht erzählt Helen Macdonald ihre eigene Geschichte, es ist eine Geschichte der Trauer und des Verlustes. Gleichzeitig ist es auch eine Geschichte über die Falknerei und einen Habicht. Es ist schwer, das Buch einem Genre zuzuordnen – eines lässt sich aber auch so sagen: ich habe selten zuvor ein so beeindruckendes und berührendes Buch gelesen.



    Die Landschaft heißt Brecklands – das gebrochene, zerklüftete Land -, und dort fand ich mich an diesem Morgen zu Beginn des Frühjahrs vor sieben Jahren wieder, auf einer Reise, die ich ganz und gar nicht geplant hatte.

Helen Macdonald träumt bereits als Kind davon, Falknerin zu werden. Während andere Kinder von Hunden oder Pferden träumen oder Poster von Popstars an den Wänden hängen haben, beschäftigt sich Helen mit großer Ernsthaftigkeit mit der Falknerei: sie liest Sach- und Fachbücher über das atzen, ballieren und kröpfen. Schon als Kind richtet sie ihren ersten eigenen Falken ab. Trotz dieser großen Leidenschaft, wird Helen nicht Falknerin, sondern Universitätsdozentin – das Interesse an der Falknerei verliert sich sogar ein wenig im Laufe der Jahre. Erst als ihr geliebter Vater überraschend stirbt, beginnt Helen wieder damit, sich der Falknerei zu widmen. Als Habicht Mabel bei ihr einzieht, ahnt sie noch nicht, wohin sie die gemeinsame Reise mit ihr führen wird.

    Die Suche nach Habichten ist wie die Suche nach Gnade: Sie wird einem gewährt, aber nicht oft, und man weiß nie, wann oder wie. Etwas besser stehen die Chancen an einem stillen, klaren Morgen im Vorfrühling, denn dann verlassen die Habichte ihre Welt in den Bäumen und vollführen ihre Balzflüge am offenen Himmel. Darauf hoffte auch ich an jenem Morgen.

In H wie Habicht geht es vordergründig um die Falknerei, um den Habicht, das Abrichten und Greifvögel ganz allgemein, daneben – und das ist der zweite Erzählstrang – geht es aber auch um den Schriftsteller T. H. White, der mit The Goshawk das Standardwerk der Falknerei vorgelegt hat. Das, was dieses Buch jedoch zusammenhält und trägt, ist für mich vor allen Dingen die Trauerarbeit der Autorin. Helen Macdonald verliert durch den überraschenden Tod ihres Vaters den Boden unter den Füßen. Ihre einzige Möglichkeit, diesen schweren Verlust aufzuarbeiten, sieht sie in dem Wunsch einen Habicht zu zähmen. So ist H wie Habicht nicht nur eine Geschichte der Falknerei, sondern gleichzeitig auch die Geschichte einer trauernden Frau und ihrer beschwerlichen Rückkehr ins Leben. Helen Macdonald wirft einen erschreckenden Blick auf das, was man in Zeiten tiefer Trauer erleben kann: auf die Angst, die bodenlose Traurigkeit, auf tiefe Einsamkeit und Depressionen. Für Helen ist Mabel irgendwann das einzige, was sie am Leben hält – genauso wie das Buch von T.H. White.

    Das Buch, das Sie lesen, ist meine Geschichte, nicht die Biografie von Terence Hanbury White. Gleichwohl ist White Teil meiner Geschichte. Ich kann ihn nicht unerwähnt lassen, denn er war da. Als ich meinen Habicht abtrug, hielt ich gewissermaßen stille Zwiesprache mit den Taten und Werken eines längst verstorbenen Mannes, der argwöhnisch, mürrisch und entschlossen war zu verzweifeln.

Ich glaube, dass H wie Habicht ein großartiges Buch über Trauerarbeit ist. Es ist zunächst nicht ganz einfach in den Text vorzudringen, er ist verschlungen – ein Dickicht aus Erinnerungen, Gedankenblitzen und einer allumfassenden Trauer. Auf den ersten Seiten des Buches ist die Verwirrung und die Trauer der Autorin förmlich spürbar, sie ist verloren, vereinsamt und durcheinander. Im Laufe der Lektüre passen die Schichten des Textes jedoch immer besser ineinander. Die Lebensgeschichte von White, das Abrichten des Habichts und die Trauerarbeit verweben sich zunehmend zu einem feinen Muster, aus dem ich mich während der Lektüre kaum mehr befreien konnte. Das Buch von T.H. White spielt dabei in H wie Habicht eine ganz besondere Rolle: Helen Macdonald greift immer wieder zur Literatur – und ganz häufig besonders zu diesem Buch. Verbunden ist damit der Wunsch, in den Texten etwas zu finden, das sie von ihrer Trauer heilen kann. Helen Macdonald ist an dem Verlust ihres Vaters zerbrochen und Worte sind eines der wenigen Dinge, die ihr dabei helfen, sich Stück für Stück wieder selbst zusammenzufügen.

    Sich zu verlieben ist eine verheerende Erfahrung, außer man verliebt sich in eine Landschaft.

H wie Habicht ist eine ebenso beeindruckende wie ungewöhnliche Lektüre. Helen Macdonald erzählt eine berührende Geschichte, ob man den Text nun als Sachbuch liest oder als Roman, als Erinnerungsbuch oder Autobiographie. Für mich ist der Habicht eine großartige und poetische Lektüre über den Tod, die Trauer und die Rückkehr ins Leben.

Helen Macdonald: H wie Habicht. Ullstein Verlag, Berlin 2015. 416 Seiten, €20. Weitere Rezensionen auf: Zeichen & Zeiten, Fantasie & Träumerei und Elementares Lesen

Text: Mara Giese