Der Fuchs

von Nis-Momme Stockmann
Nis-Momme Stockmann legt mit seinem Debütroman Der Fuchs eine beeindruckende Geschichte vor: sie ist ungewöhnlich, verspielt, vielschichtig und nebenbei auch noch hochspannend erzählt. Der Fuchs ist ein gewaltiges Buch, ein gewagtes Buch, ein experimentierfreudiger Roman und eine fantastische Lektüre.

Mir kam alles verrückt und sinnlos vor. Für was hatten wir uns letzte Woche noch so sehr angestrengt? Ich hatte es vergessen. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, dass es einen Ort gab, an dem die Menschen nicht auf ihren Dächern standen.

Es ist kein Wunder, dass mir bei Nis-Momme Stockmanns Debütroman die Superlative nicht mehr ausgehen, denn Der Fuchs konnte mich wirklich begeistern. Eigentlich inszeniert Stockmann Theaterstücke, viele davon bisher schon mehrfach aufgeführt und vielfach preisgekrönt. Mit Der Fuchs hat der junge Autor, der auf Föhr aufgewachsen ist, nun seinen Debütroman vorgelegt und wurde damit prompt für den Leipziger Buchpreis nominiert. Ein wenig erinnert die ganze Konstellation an Gegen die Welt von Jan Brandt, der damals auch mit einer wundersamen Dorfgeschichte debütierte, die im hohen Norden angesiedelt war.  In Der Fuchs wird wiederum eine Geschichte erzählt, die hinter dem Deich spielt – in einem kleinen Dorf, das den mythischen Namen Thule trägt.

Im Zentrum der Geschichte steht Finn Schliemann und der Leser lernt ihn zu Beginn des Romans in einer ausweglosen Lage kennen: Thule wurde von einer kaum vorstellbaren Flut heimgesucht. Ausgerechnet Thule, wo man das Geld lieber in andere Dinge gesteckt hat, als in den Katastrophenschutz. Das erste Kapitel des Romans gleicht einem Katastrophenszenario: Leichen treiben im Wasser, die Vorräte gehen aus und Hilfe ist nicht in Sicht. Finn hat sich gemeinsam mit seinen besten Freunden auf ein Häuserdach gerettet, von dem es scheinbar kein Entkommen gibt.

Mich überkam plötzlich ein seltsamer Gedanke: Hat das eigentlich irgendjemand aufgeschrieben? Hat das jemand fotografiert? Diese kolossale Gewöhnlichkeit. Diese kolossale Ereignislosigkeit. Diesen Ort hier – am Rande von allem. Gerade werden alle Zeugen und Beweise vernichtet – dass es das jemals gab.

Auf den folgenden 700 Seiten entfaltet sich in Rückblenden eine faszinierende und schier unglaubliche Geschichte: es geht um eine furchtbare Mordserie, altorientalische Gottheiten, den SPD-Ortsvorstand und einen verloren gegangenen Arm. Erzählt wird aber auch vom Hier und Jetzt, von Finn, dem “Typ mit dem behinderten Bruder, der zugezogenen Mutter, dem toten Vater.” Von den Jugendlichen im Dorf wird er gequält, dafür findet er in Katja eine Freundin. Katja ist selbstbewusst, cool und ziemlich tiefgründig. Gemeinsam mit Katja begibt sich Finn auf die Spuren der Mordserie, hält mit seiner kleinen Kamera alles fest, was ihnen verdächtig erscheint und wird von dem Mädchen zunehmend in eine andere Welt gezogen.

    Ich frage mich, ob ich, wenn ich in der Vergangenheit etwas anders gemacht hätte, mich anders verhalten hätte, etwas am Lauf der Dinge hätte ändern können. Dann gibt es einen kurzen Schmerz. Als wäre das ganze Leben unlebbar.

Nis-Momme Stockmann legt mit Der Fuchs einen vielschichtigen,  handwerklich anspruchsvollen und doppelbödigen Roman vor. Er hat mich als Leserin im ersten Kapitel an die Hand genommen und ich war dazu bereit, den verschlungenen Weg der Erzählfäden über siebenhundert Seiten mitzugehen. Mit großartigen Bilder erschafft Stockmann ein Katastrophenszenario, das jedoch auch immer wieder mit einer gewissen ironischen Distanz gebrochen wird – über allem schwebt der Zweifel: passiert das jetzt gerade genauso, wie es erzählt wird oder vielleicht doch ganz anders? Was ist ernst gemeint? Was ist ironisch? Diese Zweifel, diese Doppelbödigkeit tragen zum Vergnügen an diesem Stück Literatur bei.

    Wir stehen da und behaupten, wir bestünden aus den Einzelakten. Aus dem Mal, wo wir die Katze aus dem Baum gerettet haben. Wo wir dem Obdachlosen einen Fünfer schenken. Wo wir den Freunden beim Umzug helfen. Und genauso glauben wir gerne: Unsere Zeit: das ist der Mauerfall oder die Mondlandung oder 9/11, die Revolutionen, die Reformen. Aber nein. Nein, nein: Es sind die mutmaßlichen kleinen Entscheidungen, die die größeren befördern. Das “Dazwischen”. Letztendlich und in der Summe, unterm Strich sozusagen: sind das wir. Und ist das dann auch: unsere Zeit.

Natürlich – das bleibt bei einem siebenhundert Seiten langen Roman selten aus – gibt es auch schwächere Passagen: manches zieht sich ein wenig und auch manchen Handlungsfänden konnte ich dann doch nicht mehr folgen. Dennoch überzeugt mich dieser Roman als Gesamtkunstwerk, nicht nur in seiner Kunstfertigkeit, sondern auch in seinem Mut und in seiner Freunde am Erzählen. Nis-Momme Stockmann legt mit Der Fuchs einen Roman vor, der alle Genres sprengt, alle Grenzen und Vorstellungen. Es ist ein Roman, der mir noch lange im Kopf bleiben wird und ich hoffe darauf, dass ich euch mit meiner Begeisterung anstecken kann, damit Finn und Katja noch in ganz viele weitere Köpfe einziehen können.

Text: Mara Giese