Das Mädchen aus Mailand

von Giorgio Scerbanenco
Kurz & knapp: Worum geht es?

Duca Lamberti wird gebeten, den jungen Mann Davide von der Alkoholsucht zu befreien. Als Arzt, der wegen Sterbehilfe seine Approbation verloren hat und gerade aus dem Gefängnis kommt, freut er sich über die hohe Entlohnung und sagt zu. Geschickt entlockt er Davide, dass dieser vor einem Jahr mit dem Trinken begann, weil er die Schuld am Tod der 23jährigen Alberta trägt. Alberta war damals zu ihm ins Auto gestiegen und hat gewollt, dass er mit ihr für mindestens drei Monate Mailand verlässt. Davide hat sich darauf nicht eingelassen, die ihm unbekannte junge Frau am Stadtrand abgesetzt und kurze Zeit später war sie tot.
Lamberti versucht nun, die Umstände dieses Todes tiefer zu verstehen und kommt dabei Schritt für Schritt unerwartet großen kriminellen Machenschaften auf die Spur.

Ist der Krimi Teil einer Reihe?

Ja, zwischen 1966 und 1969 sind insgesamt vier Bände um Duca Lamberti in Italien erschienen, die auch schon mehrfach in Deutschland veröffentlich wurden. „Das Mädchen aus Mailand“ ist der Beginn dieser Reihe von Giorgio Scerbanenco, der gerade vom Folio Verlag erneut übersetzt und herausgegeben wurde.

Wie blutig/eklig ist dieser Krimi?

Quasi überhaupt nicht. Dieser Krimi setzt viel mehr auf das Lösen von Rätseln.

Der Hauptermittler in einem Satz

Duca Lamberti folgt konsequent seinem eigenen moralischen Kompass und zeigt viel Empathie und Einfühlungsvermögen im Umgang mit anderen. Zugleich hat er einen wachen Geist und eine klare, wache Auffassungsgabe.

Sterben Tiere oder Kinder?

Nein.

Wie hoch ist der Love-Factor?

Niedrig. Davide redet sich zwar ein, er liebe Alberta, aber das entspringt größtenteils seinem Schuldgefühl und sie ist ja zudem tot. Und ansonsten ist weit und breit nichts Romantisches in Sicht.

Mein Lieblingssatz aus dem Krimi

Stammt von Lamberti und lautet „Er konnte ihn einfach nicht im Stich lassen. Schließlich war er Spezialist für selbstlose, edle Handlungen: Sterbehilfe, Rettung und Erlösung junger Geisteskranker.“

Welche Themen kommen im Krimi vor?

Für die sechziger Jahre hat dieser Krimi revolutionäre Themen angeschnitten, die teilweise auch heute noch in der Gesellschaft kontrovers diskutiert werden. Es geht um Sterbehilfe auf Wunsch einer schwerkranken alten Dame. Und es geht um einen Markt für Aktfotos, in dem die konsumierenden Herren nicht mehr durch professionelle Prostituierte angeregt werden, sondern am liebsten bürgerliche Jungfrauen hätten. Quasi die heilige Hure. Nicht zuletzt geht es um einen jungen Mann, der früh seine Mutter verloren hat, es seinem Vater nie rechtmachen kann, zum Einzelgänger wird und der seine Schuldgefühle nur betrunken erträgt. Alles in allem verstehe ich gut, warum gerade dieser Krimi das Genre in Italien nach Jahren der Schmähung salonfähig gemacht hat. Mehr dazu findet sich im Nachwort zu diesem Krimi, das Giancarlo De Cataldo geschrieben hat.

Wie hat mir der Krimi gefallen?

Für Ducati als (Anti-)Held habe ich von Beginn an viel Sympathie entwickelt, die mich durch den Krimi getragen hat. Wie umsichtig er mit Menschen und Situationen umgeht, gefällt mir sehr. Und die erste Hälfte des Krimis, in der es darum geht, die Rätsel von Davides Alkoholsucht und von Albertas Tod zu lösen, hat mich wunderbar mitknobeln lassen. Das gefällt mir ja immer. Als es dann in die Ermittlungsarbeit ging, ist mir allerdings stärker aufgefallen, wie alt dieser Krimi ist und einige Ausführungen haben mich ermüdet.

Daher vergebe ich aus heutiger Sicht 3 von 5 Mimis. Allerdings verdient er volle 5 von 5 Mimis, wenn ich ihn im Kontext seiner Entstehungszeit betrachte. Wen also das seinem Alter entsprechende gemächliche Tempo und einige angestaubte Formulierungen nicht abschrecken, der findet hier einen Leckerbissen.

Text: Krimimimi