Blauschmuck

von Katharina Winkler
Katharina Winkler legt mit Blauschmuck einen nur schwer zu ertragenden wenn gleich auch sehr lesenswerten Roman vor, der von Liebe und Gewalt erzählt, von den Schrecken einer Ehe und einer viel zu frühen Heirat. Es ist ein Roman, der auf wahren Geschehnissen beruht.

Du schlägst mich tot, aber du kommst mir nicht nahe.

Filiz wächst in einem Tal auf, in dem hundert blaue Frauen leben – es gibt hellblaue Frauen, dunkelblaue, blau-rote und blau-schwarze. Manche von ihnen tragen ihr Blau um den Hals, andere tragen es um ihre Handgelenke oder um ihre Fesseln. Viele von ihnen verbergen den Blauschmuck so gut es geht, einige von ihnen wechseln ihn von Woche zu Woche oder von Tag zu Tag. Verantwortlich für den Blauschmuck sind die Männer des kurdischen Dorfes: Das Werkzeug, Holz oder Eisen, und die Anzahl der Schläge bestimmen den Blauton. Mit dem Begriff Blauschmuck werden die Blutergüsse bezeichnet, die sich in allen Farben und Formen auf den Körpern der Frauen ausbreiten – zugefügt von ihren Männern, Vätern oder Brüdern.

Das Erbarmungslose dieses Textes beginnt schon vor dem ersten Satz, denn in der Widmung erfährt man, dass hier nicht nur eine Geschichte erzählt wird, sondern eine wahre Lebensgeschichte. Erzählt wird die Geschichte von Filiz, die in einem abgelegenen kurdischen Dorf aufwächst. Sie verliebt sich als junges Mädchen in Yunus, läuft mit ihm fort – gegen den Willen ihrer Eltern – und heiratet ihn. Ihn, Yunus, der ihr ein Leben in Jeans und im Glück verspricht. Doch mit den Versprechungen ist es nach der Heirat schnell vorbei: Filiz wird geschlagen, vergewaltigt, gedemütigt, wie eine Sklavin gehalten, beinahe erhängt. Nicht nur ihr Mann quält sie, sondern auch ihre Schwiegermutter, die all das weitergibt, was sie selbst ertragen musste. Ein Kreislauf aus Schmerz und Gewalt, der scheinbar nicht zu durchbrechen ist.

    Die Nähmaschine ist eine Wundermaschine. Sie zieht meinen Blick auf die Spitze der Nadel, alle Gedanken, alle Empfindungen sammeln sich dort. Die Nadel stickt meine Seele als Muster auf den Stoff.

Brutal und ungeschönt erzählt Katharina Winkler vom Martyrium einer Frau, die in einer Welt aufwächst, die von Männern dominiert und beherrscht wird. Der vorangestellte Hinweis machte das Buch für mich zu einer noch beeindruckenderen Lektüre, aber auch zu einer schwierigen. Katharina Winkler erzählt eine Geschichte, die alle Vorurteile gegenüber muslimischen Männern bestätigt, es ist eine Geschichte voller Rückständigkeit und antiquierten Vorstellungen. Eine Geschichte, die das Bild der frauenjagenden Männerhorde wieder auferstehen lässt. Filiz lebt ein Leben ohne Rechte, genauso wie all die anderen Frauen, mit denen sie im Tal aufgewachsen ist. Kann Blauschmuck möglicherweise ein Roman sein, der all die Befürchtungen und Vorurteile noch befeuert? Ich selbst weiß es nicht, glaube aber, dass man diese mögliche Lesart auf jeden Fall im Hinterkopf behalten sollte. Es ist ein richtiges und ein wichtiges Buch, das vielleicht das Schicksal ereilt, zur falschen Zeit zu erscheinen.

    Schläge fallen von der Decke. Schläge fallen von den Wänden. Schläge kriechen aus den Ritzen im Boden. Schlag. Um Schlag. Schlag. Um Schlag. Du schlägst mich tot, aber du kommst mir nicht nahe.

Die Sprache von Katharina Winkler ist reduziert und einfach. Es gibt viel Weiß auf den Seiten: die Sätze sind kurz, manchmal fast abgehackt. Fast so, als würde die Geschichte von einem Kind erzählt werden, das nie die Chance erhalten hat, erwachsen zu werden. Nichts an diesem Text ist zu viel oder gar überflüssig. Blauschmuck ist ein hartes Buch, doch neben dem ganzen Horror, gibt es auch immer wieder kleine Lichtblicke: Filiz erhält Hilfsangebote und Unterstützung, trifft auf Menschen, die ihr zur Seite stehen. Ihr Leben erscheint ausweglos, ihr Mann ist erbarmungslos, doch Filiz gelingt es dennoch, sich ein ganz klein wenig  Lebensglück zu erhalten.

Ich habe mit Blauschmuck einen ungewöhnlichen Debütroman gelesen, der alles hat, was ein gelungener Roman braucht: es wird auf beeindruckende Art und Weise eine berührende Geschichte erzählt, die mich nicht mehr losgelassen hat. Das Buch habe ich zugeklappt, doch die Geschichte von Filiz spukt mir immer noch durch den Kopf: es ist eine Geschichte, die mich wütend gemacht hat, die mich berührt hat, die mir weh getan hat und die mich am Ende nachdenklich zurückließ. Es ist ein Buch, das nicht einfach zu besprechen ist, das aber dennoch gelesen werden sollte.

Text: Mara Giese